Donnerstag, 26. November 2015

WAS EUROPA VON SPANIEN LERNEN SOLLTE

Sebastian Schoepp hat in Italien und Spanien studiert und den Süden dabei in allen Facetten kennengelernt, den guten wie auch den schlechten. Mehr als Strand und Sonne begeistert ihn der zwischenmenschliche Kontakt in Südeuropa. Der Mensch werde dort viel stärker in seinem Sein als in seiner Funktion wahrgenommen, sagt Schoepp. Seit 2005 ist Schoepp als außenpolitischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung für Spanien und Lateinamerika zuständig. 2014 erschien sein Buch „Mehr Süden wagen“, in dem er für eine differenzierte Sicht auf die Mittelmeerländer plädiert und fordert, deren Stärken im europäischen Einigungsprozess besser zu berücksichtigen.

Sebastian Schoepp, außenpolitischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung, unterrichtete viele Jahre als Dozent in einem Studienprogramm für Journalisten an der Universität Barcelona.

Herr Schoepp, welche Rolle spielen Europa und Europapolitik in der spanischen Öffentlichkeit?
Eine enorme Rolle. Spanien war in der Vergangenheit vielleicht das europafreundlichste Land in der EU. Die Spanier waren 2005 die einzigen Europäer, die bei der Volksabstimmung für die europäische Verfassung gestimmt haben – mit 76 Prozent. Nach langer Zeit am Rande Europas hat sich das Land 1986 sehr über die Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft gefreut. Vom Beitritt hatte man sich viel versprochen: nicht nur Geld, sondern vor allem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt. Das ist auch beides eingetreten. Der gesellschaftliche Fortschritt ist sehr nachhaltig, der wirtschaftliche leider nicht.
Warum war Spanien das europafreundlichste Land? Was hat sich verändert?
Europa hat in Spanien immer eine positive Rolle gespielt. Das hat sich erst durch die Krise verändert. Aber gar nicht so sehr durch die Krise selbst, sondern durch die Behandlung, die die Spanier meinen, von Europa zu erhalten. Sie fühlen sich bevormundet, von außen dominiert durch ein Spardiktat, ähnlich wie Griechenland. Europa ist jetzt nicht mehr der Hoffnungsträger, sondern auch eine Macht, die Spanien zwingt, eine bestimmte Lebensform anzunehmen und soziale Fortschritte aufzugeben. Das hat das Europabild nachhaltig geschädigt.
Heißt das umgekehrt, dass Europa heute als Ort der Hoffnungslosigkeit in Spanien gesehen wird?
Hoffnungslosigkeit auf keinen Fall. Allerdings hatten sich die Spanier ein besseres Standing in Europa erhofft. Sie hatten erwartet, dass Probleme in einem Dialog gelöst würden und nicht durch ein auferlegtes Diktat aus Brüssel. In Spanien wünscht man sich weniger Dominanz von außen. Man wünscht sich einen partnerschaftlichen Prozess.
Wie verortet sich Spanien in der EU? Sieht man sich als Teil des europäischen Südens und solidarisiert sich mit Griechenland, oder grenzt man sich von anderen Krisenländern eher ab?
Anfangs, zu Beginn der Krise, hat man sich stark abgegrenzt. Da verging kein Tag, an dem keine spanische Zeitung titelte „Spanien ist nicht Griechenland!“. Allerdings wurde Spanien dann in die Rubrik Krisenländer subsummiert. In der englischen Finanzpresse gab es dieses sehr unschöne Akronym PIGS (Portugal, Italien, Griechenland, Spanien). Plötzlich war Spanien beim „Süden“ dabei, zu dem man eigentlich gar nicht mehr gehören wollte. Man hatte angenommen, man habe aufgeschlossen zur europäischen Spitze.
Kann man überhaupt von „dem Süden“ sprechen?
„Den Süden“ gab es so nie. Erst die Krise hat dazu geführt, dass man plötzlich Gemeinsamkeiten entdeckt hat. Solidarität ist auf gesellschaftlicher Ebene verankert und wird vor allem durch den Austausch und in sozialen Netzwerken gelebt. Man realisiert, dass einen aufgrund ähnlicher historischer Entwicklungen gleiche soziale und wirtschaftliche Probleme umtreiben. Allerdings spiegelt sich dieses Empfinden in der aktuellen Politik nicht wider. Deswegen hat sich bisher auch keine Südallianz gebildet. Dafür sind die politischen Lager zu unterschiedlich.
Man grenzt sich ab?
Die herrschenden Konservativen in Spanien haben enorme Angst, so wie die Konservativen in Griechenland von einer linken Protestbewegung weggespült zu werden, die auch in Spanien sehr stark ist. Deshalb haben sie in den vergangenen Monaten versucht, sich stark von Syriza abzugrenzen. In der Bevölkerung hingegen habe ich den Eindruck, dass es eine starke Griechenland-Solidarität gibt. Man wird sehen, inwieweit sich diese Stimmung bei den anstehenden Parlamentswahlen im Dezember ausdrückt.
Wie schätzen Sie die Stimmung vor den Wahlen ein? Wird mehr, weniger oder ein anderes Europa gefordert?
Ganz klar ein anderes Europa. Europa an sich wird nicht in Frage gestellt. Europa ist nach wie vor ein Hoffnungsträger. Aber man wünscht sich einen anderen Umgang. Auch die ProtestparteiPodemos ist nicht europaskeptisch. Sie hätten nur gerne andere Regeln. Man wünscht sich ein Europa, das nach sozialen Regeln funktioniert und nicht nach den Regeln des Finanzmarktkapitalismus.
Wie wird Deutschlands Rolle in der Eurokrise in Spanien wahrgenommen?
Es wird eine ganz starke deutsche Dominanz festgestellt. Eigentlich dauernd, täglich, an jedem Ort, überall. Die Menschen fühlen sich unterdrückt. Spanien war Deutschland eigentlich immer neutral bis positiv gegenüber eingestellt. Die Spanier haben die Deutschen nie als Besatzer kennengelernt, sondern immer nur als Touristen. Ich glaube, die Spanier haben gar nicht so sehr etwas gegen eine führende deutsche Rolle. Man traut Deutschland Einiges zu. Allerdings möchte man mit eingebunden werden. Man möchte sich nicht als Peripherie fühlen.
Kommt Spanien in der medialen Berichterstattung in Deutschland zu kurz?
Sollte es einen Linksruck in Spanien geben, dann steht Spanien ganz schnell wieder im Mittelpunkt. Derzeit wird in der Berichterstattung zwischen den Südländern, die dem deutschen Wirtschaftsmodell nicht genügen, gar nicht mehr differenziert. Weil aus Griechenland Widerstand gekommen ist, hat das Land einen Spitzenplatz in der deutschen Öffentlichkeit eingenommen. Solange in Spanien – überspitzt gesagt – Ruhe herrscht, hält sich die Kritik und Berichterstattung in Grenzen. Während der Immobilienkrise wurde viel berichtet. Auch über die Arbeitsmigration junger Akademiker wird viel geschrieben. Dennoch: Jenseits der Strände ist über Spanien nicht viel bekannt. Das Spanienbild der Deutschen ist geprägt von Mallorca und anderen Klischees.
Ihr jüngst erschienenes Buch hat den Titel „Mehr Süden wagen“. Was meinen Sie damit?
Wirtschaftlich, kulturell und sozial hat sich Spanien ganz anders entwickelt als Mitteleuropa. Die bürgerliche und die industrielle Revolution haben nicht in gleicher Form stattgefunden. Die Aufklärung kam verspätet, was mit der dominanten Rolle der katholischen Kirche in Spanien zu tun hatte. Das hat zur Entwicklung eines anderen sozioökonomischen Modells geführt. Der spanische Philosoph Goytisolo hat gesagt, der Homo Oeconomicus sei in Spanien nie richtig angekommen. Das wirtschaftliche Denken und der wirtschaftliche Fortschritt haben nie so eine zentrale Rolle in Spanien gespielt. Der individuelle Erfolg ist kein Gradmesser für ein gutes, erfolgreiches Leben.
Was ist stattdessen charakteristisch für die spanische Gesellschaft?
Der Gemeinschaftsgedanke spielt in Spanien eine wichtige Rolle. Das drückt sich besonders in einem starken Familienzusammenhalt aus. Viele junge Spanier leben viel länger in ihrem Elternhaus als in anderen europäischen Ländern. Das ist ein fundamentaler kultureller Unterschied. Dafür wird Spanien gerne ein bisschen kritisch beäugt. Allerdings haben die Familiensolidarität, der Gemeinschaftsgedanke und eine enge Nachbarschaft auch bedeutende Vorteile. Sie haben Spanien durch die Krise geholfen. Das muss man ganz klar sagen.
Welchen Beitrag kann Spanien zu einer erfolgreichen Zukunft der EU leisten?
Der Sozialstaat war in Spanien nur ein Durchgangsphänomen. Genauso schnell wie er aufgebaut wurde, wurde er während der Krise wieder abgebaut. Und das hat Spanien nur vertragen, weil man auf die starke Familiensolidarität bauen konnte. Das ist ein großer Wert, der bei uns nur gering geschätzt wird. Davon kann man sich etwas abschauen. Bei uns dominieren der individuelle Erfolg und eine gewisse Ellbogenmentalität. Der starke Gemeinschaftsgedanke in Spanien überträgt sich positiv auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das kann letztendlich auch in Europa zu mehr Erfolg führen.

http://www.sagwas.net/was-europa-von-spanien-lernen-sollte/

Interview:
JONAS FREIST-HELD
Jonas Freist-Held studiert Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin und ist Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Als Europablogger hofft er, in einer der zahlreichen kleinen Cervecerias Madrids bei Tapas und Bier auf besondere Geschichten zu stoßen.



Sonntag, 12. April 2015

Mediterraner Kapitalismus


Die Ökonomie in Europas Süden hat ihre eigenen Gesetze. Sie wird geprägt
von Familien und Clans – und ist längst nicht so produktiv wie die Wirtschaft
des Nordens. Aber gerade in der Krise können wir uns dort einiges abschauen



VON SEBASTIAN SCHOEPP

Ist es ein Widerspruch zur europäischen Krisenlogik, dass der reichste Mann Europas ein Spanier ist, wo in Spanien doch angeblich alle in der Hängematte dösen? Durchaus nicht. Die Karriere von Amancio Ortega ist sogar typisch für das ökonomische Modell Südeuropas, das in der Gesamt-Produktivität nie an den Norden heranreichen konnte, jedoch zu großen Einzelleistungen fähig ist. Dass liegt in tief wurzelnden historischen Strukturen begründet, für die Ortegas Werdegang in gewisser Weise typisch ist.
  Er kam aus kleinen Verhältnissen, fing mit 14 in einem Geschäft für Morgenmäntel in seiner Heimatstadt La Coruña als Handlanger an. Von dort aus arbeitete er sich langsam hoch, gründete ein Unternehmen mit dem wenig sexy klingenden Namen „Inditex“. Das kennen bis heute nur Anlagespezialisten an der Börse. Doch die Produkte sind fast jedem vertraut, sie haben unter Markennamen wie Zara die Welt erobert. Die Zeitschrift Forbes schätzte das Vermögen von Amancio Ortega 2014 auf 64 Milliarden Dollar, das wären sieben Milliarden mehr als im Jahr davor. Damit ist er der drittreichste Mann der Welt, einen Platz vor Warren Buffett.
  Solche Unternehmer hat es in Südeuropa stets gegeben – ja, der Abenteuergeist des Entrepreneurs ist historisch dort vielleicht sogar stärker vertreten als im Norden. Dieser Geist spornte Hernán Cortes und andere Konquistadoren an, die im 16. und 17. Jahrhundert auf eigene Rechnung als Privat-Unternehmer über den Atlantik segelten. Und solitäre Markteroberer haben auch danach den südeuropäischen Kapitalismus geprägt, vom Reeder Onassis über die Modeunternehmer Benetton und Ortega bis hin zum eben verstorbenen Nutella-König Michele Ferrero.
  Der griechische Kapitalist, so schrieb der Philosoph Nikos Dimou, benehme sich „wie ein Familienvorstand“. Entscheidungen fällt er gewöhnlich allein oder im Familienkreis, Eigeninitiative oder Mitsprache der Mitarbeiter wird eher nicht erwartet, die Öffentlichkeit gemieden. Das gilt auch für Spanier. Von Amancio Ortega gab es lange kein Foto außer dem Passbild, Interviews hat er bis heute nicht gegeben, und es ist kaum zu erwarten, dass er als 80-Jähriger noch damit anfängt. Als Chef war er leutselig, trug nie Krawatten, aß mit seinen Leuten zu Mittag, ging sonntags zum Fußball und spendete im Zuge der Krise die bislang größte bekannte Summe für die spanische Caritas, mehrere Hunderttausend Euro. Als Nachfolgerin an der Firmenspitze hat er seine Tochter Marta ausersehen, es bleibt also in der Familie.
  Patriarchen wie Ortega sind Folge der Strukturen, die – trotz aller Unterschiede zwischen Griechenland, Italien oder Spanien – den ganzen Mittelmeerraum kennzeichnen, im Guten wie im Bösen. Und das schon seit alters her. In frührömischer Zeit entwickelte sich im Mittelmeerraum ein Gesellschaftsmodell, das Historiker precarium genannt haben. Ein Clanchef sammelte Getreue und Tagelöhner um sich, die für ihn arbeiten mussten, die er dafür beschützte. Der Stärkste setzte sich durch. Staatliche Strukturen entstanden erst allmählich, das frühe römische Reich war ein sogenanntes tributäres System, in dem die Regierung den Einzelnen weitgehend unbehelligt ließ, solange er Tribute zahlte.
  Erst in seiner Blütezeit setzte sich in Rom der intervenierende Staat durch, der das Leben der Bürger regelte, die sich nun als Teil eines Gemeinwesens, als Staatsbürger, fühlen sollten. Nach dem Zusammenbruch Roms kehrten die tributären Strukturen im Mittelmeerraum zurück und haben sich bis heute erhalten. Der Staat gilt als fernes Gebilde, das mit Misstrauen beäugt wird, egal, ob seine Macht von Rom, Athen oder Brüssel ausgeht.
  Warum das so kam, darüber wurde viel gerätselt. Einige Historiker argumentieren mit den Zügen der Barbaren, der Verletzlichkeit maritimer Gebiete durch Piraten und sogar den häufigen Erdbeben, die die Menschen gezwungen hätten, sich im Clan zusammenzuschließen. So entstand in Sizilien die Mafia als Abwehr von Normannen, Sarazenen und – später
– Staatsanwälten aus der Hauptstadt. In den feudalistischen, staatsfernen Strukturen sind Politiker den Patriarchen untergeordnet. Das Erfolgsgeheimnis Silvio Berlusconis bestand darin, beides in sich zu vereinen.
  Die Clans nutzten den Begegnungsraum Mittelmeer, um Handel zu treiben. Es entstand die Patrizierkaste in Venedig, Genua, in Katalonien oder Saloniki. Dieser Kapitalismus der vorindustriellen Epoche war nicht an Geldanhäufung als Selbstzweck interessiert, er war genießerisch und verschwenderisch, man zeigte, was man hatte; man errichtete die Baudenkmäler und Städte, durch die wir heute so kulturbeflissen schlendern, wenn wir uns vom Geldanhäufen erholen.
  Eine weniger produktive Sonderform des mediterranen Kapitalisten entstand in Spanien aus dem Kleinadel der Maurenkriege, der Hidalgo. Er lebte nach einem bizarren, kriegerisch-katholischen Ehrenkodex, der ihm Arbeit verbot, die war für Juden und Mauren. Nach deren Vertreibung 1492 geriet in Spanien jeder, der produktives oder technisches Geschick entwickelte, in Verdacht, ein Jude zu sein. Der Hidalgo steckte sein in Kolonien zusammengeraubtes Vermögen in Landgütern, auf denen er Aufklärung und technisches Zeitalter verschlief. Die Erwerbsstruktur blieb agrarisch, Industrie entstand nur an der Peripherie, in Bilbao oder Barcelona. Es waren Engländer und Holländer, die die träge gewordene Vorherrschaft der Patrizier im 17. Jahrhundert brachen; sie besiegten die Spanier militärisch und stachen Genueser und Venezianer im Handel aus, weil sie die besseren Schiffe besaßen – und eine weitere Waffe im Konkurrenzkampf entwickelten: den Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen. Der französische Historiker Fernand Braudel hat lange vor der Euro-Krise festgestellt, dass der Mittelmeerraum mit seinen Strukturen eine „verlockende Beute für diesen Kapitalismus mit seiner jugendlichen Kraft und seinen scharfen Zähnen“ gewesen sei.
  Der Soziologe Max Weber hat beschrieben, wie britische, niederländische und später US-amerikanische Puritaner das System der absoluten Unterordnung aller Lebensaspekte unter die Gewinnanhäufung erfanden und wie dieses System bald den Alltag jedes Einzelnen in der Industriegesellschaft prägen sollte. Das hat laut Weber einen religiösen Hintergrund: Für den puritanischen Protestanten war die Anhäufung von Reichtümern die einzige Methode herauszufinden, ob er sich im Zustand der Gnade vor Gott befand. Aus der Pflicht des Protestanten zur „ökonomischen Bewährung“ entstand laut Weber eine „Berufspflicht“, wonach jeder Einzelne eine Tätigkeit ausüben muss, die nicht nur dem Broterwerb dient, sondern „den ganzen Menschen erfasst“. Das führte dazu, dass sich im Norden breite Bevölkerungsschichten professionalisierten, im Erwerbsleben Sinnhaftigkeit vermuteten.
  Der Süden Europa stellte sich dieser Konkurrenz gar nicht erst. Dort definierte man sich im 19. Jahrhundert weiter eher durch sozialen Kontext als durch beruflichen Erfolg. Breite Teile der Bevölkerung lebten unverdrossen nach den Mechanismen des Erwerbslebens, wie sie die vorkapitalistische Epoche geprägt hatten. Man erwirtschaftete auf den kargen Böden eben so viel, wie man brauchte, um satt zu werden. Wer nichts leistete, warum auch immer, und arm blieb, dem gegenüber legte der Katholizismus eine gewisse Duldsamkeit an den Tag, wie Weber feststellte. Überdurchschnittliche Produktivität blieb in diesem System von der Initiative – und der Willkür – einzelner Patriarchen abhängig. Von der Ethik der Industrialisierung klemmte der Mittelmeerraum sich ab. Der spanische Philosoph Juan Goytisolo hielt fest: Die Triebkräfte des Homo oeconomicus seien den Spaniern fremd geblieben.
  Anfangs machten nördliche Reisende sich über die Rückständigkeit lustig, doch mit fortschreitender Industrialisierung verkitschten sie die vermeintlich entspanntere Haltung des Südens zum Leben zu einer Alexis-Sorbas-Romantik. Auch Max Weber erholte sich 1902 in Rom von seinem Burn-out und fand dadurch erst die Kraft, sein Hauptwerk zu beginnen.
  Seit Einführung des Euro wird den Südländern die früher so idealisierte Lebenseinstellung nun vorgehalten, man beschuldigt sie, sie hätten sich den neuen Wohlstand nicht leisten können. Dabei war die Angleichung des Lohnniveaus und der staatlichen Sozialsysteme in der EU bei Einführung des Euro ausdrücklich gewünscht – man hoffte, Konsumenten für nördliche Exporte heranzuzüchten. Doch die Erwartung, der Konsum würde jahrhundertelang gewachsene strukturelle Unterschiede egalisieren, hat sich als trügerisch erwiesen – ebenso wie nun die Hoffnung, man könne diese Unterschiede durch eine Spar-Rosskur beseitigen.
  Das Gegenteil ist der Fall. Seit dem Zusammenbruch der staatlichen Sozialsysteme muss im Süden wieder die Familie als Krisenkorrektiv herhalten, wie im precarium. Solange das so ist, werden Länder wie Griechenland die Nachteile des Familismus, nämlich Korruption und Nepotismus, nie beseitigen können, allen Reformpapieren zum Trotz. Der Clan wirkt aus südlicher Sicht wie die letzte Rettung vor dem Austerizid, dem Tod durch Sparen.
  Und der Familismus hat ja nicht nur Nachteile, der Norden könnte sogar ein Quäntchen davon lernen. In der interkulturellen Kommunikation, die in Weltkonzernen gang und gäbe ist, nennt man die mediterranen Gesellschaften wegen ihrer starken Betonung von Familie und Gemeinschaft „High-Context“- oder auch „Face-to-face“-Kulturen. Der persönliche Bezug ist unerlässlich für den Geschäftsabschluss. Dialog ist mitunter wichtiger als Effizienz, ja oft wird die gemeinschaftliche Teilnahme an einem Projekt höher eingeschätzt als das Erreichen des Ziels. Das macht solche Systeme langsamer, träger, genussvoll-unkapitalistischer – und unter Umständen sogar nachhaltiger. Der amerikanische Interkulturalist Edward T. Hall schrieb, High-Context-Kulturen hätten den Vorteil, dass sie Gemeinschaft herstellten. Das sei anfangs manchmal aufwendig, erweise sich im Geschäftsleben und in der Politik auf lange Sicht jedoch oft als tragfähiger als der vermeintlich juristisch wasserdichte Vertragstext. Und ist es nicht genau das, was wir in der EU am dringendsten bräuchten – mehr Gemeinschaft? 

(Erschienen in Süddeutsche Zeitung, Wirtschaftsteil Printausgabe, 14.3.2015)

Dienstag, 17. Februar 2015

Auf den Spuren von Chavez und Co.

SWR-Kulturgespräch am 12.2.2015 mit Sebastian Schoepp

Der neue forsche Meinungsführer des Landes kommt jung ins Amt, legt sich gleich mal mit den mächtigen Ausländern an, die hätten sein Land lange genug fremd bestimmt, er setzt Weltbank und IWF vor die Tür, umgibt sich statt mit alten Kadern mit jungen unerfahrenen Beratern aus nicht Regierungsorganisationen. Und wenn man jetzt denkt: halt, kenne ich doch alles Tsipras, Griechenland. Weit gefehlt, das alles hat sich 2007 auch schon in Ecuador so abgespielt. Rafael Correa hieß dort der Präsident, damals etwa so alt wie der griechische Regierungschef Tsipras heute. Und die Vergleichsmöglichkeit mit Lateinamerika erlaubt heute die Frage, wo die Staats- und Regierungschefs mit Alexis Tsipras über die griechischen Schulden sich einigen oder verständigen müssen: ist das eigentlich alles so links, was in Athen politisch vor sich geht, oder ist es vor allem eine neue Form von Nationalismus?
Sebastian Schoepp, Redakteur der Süddeutschen Zeitung im Ressort Außenpolitik, hat ein Buch darüber geschrieben, was die Welt von Lateinamerika lernen kann und wie die Europäer wieder zusammenfinden könnten. "Mehr Süden wagen" heißt es.

Sebastian Schoepp
Herr Schoepp, was können denn die EU-Finanzminister wesentlich lernen aus den lateinamerikanischen Aversionen gegen IWF und Weltbank beispielsweise?
Das Interessante ist, dass Lateinamerika eigentlich vor zwei Jahrzehnten schon eine ähnliche Entwicklung und ähnliche Erfahrungen gemacht, die jetzt Südeuropa macht. Damals ging es darum: es gab eine Schuldenkrise in den 1980er Jahren in Lateinamerika, dann kam aus Washington eine neue Politik, eine Sparpolitik, Austeritätspolitik, die ganz ähnlich aussah wie die heutige Troika-Politik.
Im Prinzip hat man den Ländern einen strikten Sparkurs verordnet und Privatisierungen angeordnet. Das Staatsvermögen wurde verkauft, man hat große Reformen gemacht, die Infrastruktur wurde zurückgefahren, die Ausgaben mussten gesenkt werden. Das hat tatsächlich zu einem gewissen Wachstum geführt, zu einem Wirtschaftsaufschwung. Aber dieser Aufschwung kam nicht bei den Leuten an, und das war das entscheidende Problem. Also: das Wachstum stieg und die Armut auch. Das hat dazu geführt, dass sich nach dem Jahr 2000 Lateinamerika völlig anders verhalten hat als der Rest der Welt: man begann links zu wählen, ganz konsequent. Das hat zu einer großen Popularität geführt und auch dazu, dass dieser Linkstrend in Lateinamerika bis heute anhält.
Und das könnte eine Folie sein für die Vorgänge in Griechenland, aber möglicherweise eben auch in anderen Ländern Südeuropas?
Man kann gewisse Parallelen erkennen. Es ist tatsächlich so, dass Tsipras im Auftreten und im Habitus Rafael Correa nicht unähnlich ist. Es geht jetzt darum, die Systemfrage zu stellen ohne genau zu wissen, was dabei rauskommt. Das ist ein Hasardspiel. Aber es geht darum, dass die Unzufriedenheit offensichtlich so groß ist, dass man jetzt darauf setzt einmal etwas ganz anderes zu probieren. Ob das dann klappt, wird man sehen müssen.
Ist das jetzt nur Populismus oder ist das tatsächlich eine neue Politik, von der Sie sagen würden die ist auf Dauer tragfähig?
Populismus, das ist eine Definitionsfrage. Was man immer sehen muss in diesen Ländern und das kann man sich als Deutscher gar nicht richtig vorstellen, ist, mit welcher extremen Form von verkrusteten Eliten man dort zu tun hat, in Ländern wie Lateinamerika, Spanien, aber auch in Griechenland. Zum Teil sind das Clans, Familien, eine Kaste, die sich die Macht über Jahrzehnte aufgeteilt, sich an der Macht abgelöst und die sich die Pfründe gegenseitig zugesteckt haben.
Das heißt, man kann dort, wenn man es anders machen will, nicht sehr auf Konsens, Vernunft oder auf Einsicht hoffen. Es gibt keine soziale Marktwirtschaft in diesem Sinne. Und das führt dazu, dass der Diskurs manchmal ein bisschen radikal wird, was dann von den Eliten, die nicht mehr an der Macht sind, als Populismus bezeichnet wird.
Man könnte auch sagen es ist eine Art Nationalismus nach innen wie nach außen und auch mit entsprechenden Problemen, die dadurch entstehen können.
Nationalismus, das ist neu. In Spanien wird das Wort Patria, also Vaterland, plötzlich wieder im Munde geführt, gerade auf der Linken bei der Bewegung Podemos. Das Wort Patria war dort ähnlich verpönt wie bei uns, wegen der Franco-Vergangenheit, der Franco-Diktatur, die diesen Begriff stark missbraucht hat. Und plötzlich ist der Begriff wieder da und wird in Kreisen benutzt, in denen er nicht benutzt wurde. Das zeigt ein bisschen und ist für mich ein wenig das Ergebnis und das ist Gefühl, gedemütigt worden zu sein, das Gefühl, nicht mehr selbst entscheiden zu können. Wir wissen, jemandem dem nicht viel bleibt, dem bleibt oft nur der Bezug auf die Heimat, auf das Heimatland. Das Problem haben wir zum Teil auch in Ostdeutschland. Also, das gibt es nicht nur im Süden. Im Süden hat es momentan eine ganze starke Komponente: "Wir wollen nicht mehr gedemütigt werden, wir sind auch wer, wir sind Griechen, wir sind Spanier, wir sind stolz drauf."
Jetzt ist die entscheidende Frage: welche Perspektive haben die EU-Finanzminister, hat die berüchtigte Troika, hat der deutsche Finanzminister? Denn all das, was Sie als Entwicklungsperspektive schon geschildert haben und was in Lateinamerika schon zu sehen war, Verarmung breiter Bevölkerungsschichten und derlei, das erleben die Länder in Südeuropa jetzt. Etwas anderes will man ihnen offenkundig nicht anbieten.
Das stimmt. Und das ist genau das Problem. Deswegen ist die Stimmung auch so stark Anti-Merkel, Anti-Deutschland. Das richtet sich jetzt gar nicht gegen Deutschland als Land oder gegen die Deutschen als Volk, überhaupt nicht. Da gibt es sogar eine gewisse Bewunderung für die Technik und ähnliches. Es richtet sich vor allem dagegen, dass Merkel als Symbol für eine bestimmte Politik gesehen wird, die aus Sicht der Kritiker ein marktwirtschaftliches Dogma verfolgt. Und das besteht darin, dass man das Geld, die Milliarden, die Rettungsmilliarden den Banken gibt und nicht den Ländern und den Völkern. Man gibt es den Banken, in der Erwartung, dass die Banken das Geld durch Kredite zur Ankurbelung der Wirtschaft benutzen. Das allerdings haben sie bisher nicht oder kaum getan. Die Griechen und Spanier hören seit Jahren, wenn die Banken stärker werden oder sie ihre Kapitaldecke wieder gefüllt haben, dass sie dann auch anfangen, Kredite zu vergeben. Doch so ist es nicht. Das hat bisher einfach nicht funktioniert. Und das führt dazu, dass man jetzt etwas anderes probieren will.
Ist das möglicherweise auch eine Lehre aus der lateinamerikanischen Entwicklung, dass es einfach ganz gut ist, wenn sich politischen Bewegungen so etwas verschaffen wie ein politisches Ventil?
Das ist auf jeden Fall gut. Was im Allgemeinen nicht schlecht ist und das gilt nicht nur für Lateinamerika oder Südeuropa, wenn man den Völkern die Gelegenheit gibt, sich selbst ein bisschen zu entwickeln und wenn man nicht so viel Ungeduld an den Tag legt. Es dauert, wenn man Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte lang gewachsene Missstände beseitigen will: Korruption, Vetternwirtschaft, Familismus, Clanherrschaft all diese Dinge, die große Teile der Welt wirklich quälen.
Es ist viel auf der verbalen Ebene falsch gemacht worden. Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Bei allen Erfolgen, die Merkel gehabt haben mag, Empathie ist nicht ihre Stärke. Und das ist etwas, was im Süden sehr, sehr wichtig genommen wird. Das Gefühl zu haben, gehört worden zu sein. Das sind ganz entscheidende Dinge, die die Türen öffnen. Und das ist etwas, was hier bisher noch versäumt worden ist.

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Journalisten Sebastian Schoepp führte Wilm Hüffer am 12.2.2015 um 7.45 Uhr

Montag, 9. Februar 2015


Alternative zur Alternativlosigkeit
Das neue südliche Selbstbewusstsein  in Europa erinnert an den Linksruck in Lateinamerika

Als der junge, forsche Präsident sein Amt antrat, legte er sich als erstes mit den mächtigen Ausländern an, die seiner Meinung nach zu lange die Geschicke des Landes bestimmt hatten. Seine Vorgänger, so verkündete er, hätten sich von neoliberalen Dogmatiker leiten lassen, die Ideologie als Wissenschaft ausgäben. Weltbank und IWF setzte der Präsident erstmal vor die Tür. Er kündigte Verträge für ausländische Armeebasen und Rohstoffabkommen. Anstatt mit alten Kadern umgab er sich mit jungdynamischen Beratern und Minister, die in regierungsunabhängigen Organisationen, NGO’s, groß geworden waren. Die Altparteien der Eliten, die sich bis dahin an der Macht abgelöst hatten, verschwanden in der Versenkung. Der junge Präsident wurde zweimal wiedergewählt.

Als Rafael Correa 2007 erstmals Präsident von Ecuador wurde, war er in etwa so alt wie Alexis Tsipras jetzt ist. Auch sonst gibt es Ähnlichkeiten zwischen dem Ecuadorianer und dem Griechen: das smarte Auftreten, die zu Autoritarismus neigende Forschheit, die kritische Haltung zu den gängigen wirtschaftspolitischen Dogmen, die fast pubertäre Lust an der Provokation Stärkerer. Und den trotzigen Willen, der Welt zu zeigen, dass ihre kleinen, krisengeschüttelten Länder es schaffen können, wenn man sie nur ihren Weg gehen lässt. Diesem Willen opfern sie sogar politische Korrektheit, die bei  Linken in weniger krisenhaften Ländern so wichtig genommen wird: Correa überwarf sich mit den NGO’s, die ihn großgemacht hatten. Tsipras verprellte europäische Sympathisanten, indem er sich einen rechtspopulistischen Koalitions-Partner suchte, den er kontrollieren kann und den er mit dem unbedeutenden Verteidigungsministerium abspeiste.

Die Parallelen zwischen Tsipras und Correa sind dem Zufall geschuldet – die zwischen dem Ecuadorianer und der spanischen Podemos-Bewegung nicht. Ihr Anführer Pablo Iglesias – von dem viele sagen, er sei der spanische Tsipras – beruft sich ausdrücklich auf die lateinamerikanische Linke, er findet Brasilien und Ecuador als Vorbilder „interessant“. Es gibt zahlreiche personelle Verbindungen zwischen Podemos und dem Chavismus in Venezuela. In Spanien wurde Iglesias von der konservativen Presse schon als europäischer Chávez-Verschnitt geschmäht, was angesichts der Unterschiede in Temperament übertrieben erscheint, und was Iglesias auch gar nicht mehr so gerne hört, seit Venezuela taumelt. Doch zweifellos ist unter seinen Anhängern die Bewunderung groß über die Art und Weise, wie die ehemaligen Kolonien sich unter linker Ägide seit der Jahrtausendwende emanzipiert haben.

Diese Anhänger kommen aus allen Teilen der Bevölkerung. Zu den Kundgebungen von Podemos wie am Wochenende in Madrid gehen Alte und Junge, Rentner und Arbeitslose, vor allem Akademiker, die mobil und hochgebildet sind, und trotzdem vor dem Nichts stehen. Podemos sei die einzige Kraft in Spanien, die derzeit Hunderttausende auf die Straße bringe, schreibt der Essayist und Journalist Enric Juliana. Er ist einer der selbstkritischsten und visionärsten Analysten der Krise, warnte vor Jahren vor einer „Mexikanisierung“ Südeuropas. Spaniens Zukunft sei atlantisch, prognostizierte er damals, und meinte die Exportchancen. Nun mehren sich die Anzeichen, dass sich sogar die Politik Spaniens lateinamerikanisieren könnte. Eine umgekehrte Conquista sozusagen.

Die Ähnlichkeit beginnt bei den nationalistischen Zügen. Am Wochenende wies Juliana in einem Beitrag für die Barceloner Zeitung La Vanguardia darauf hin, wie selbstverständlich die neue Linke Spaniens das Wort „patria“ im Munde führe, das seit der Franco-Zeit tabu war. Solche Tendenzen gibt es bei Chávez und Correa, inzwischen aber auch im Griechenland von Tsipras und sogar in Renzis Italien. Sie sind die Gegenreaktion auf das demütigende Gefühl, dem hegemonialen Diktat eines „Brüsseler Direktoriums“ ausgesetzt zu sein, wie Juliana die Troika genannt hat.

Der europäische Gedanke wird zum Glück nicht gänzlich untergepflügt. Ja, es gibt sogar den Glauben, dass er sich von Süden her erneuern kann. „Das Europa der Händler, das Europa von Angela Merkel und den Finanzhaien ist nicht unser Europa“, sagt Podemos-Chef Iglesias. „Wir sind die Bürger des Südens und wollen nicht zum El Dorado gekürzter Arbeitsrechte und Minilöhne werden.“ Mit ähnlicher Rhetorik kündet die lateinamerikanische Linke davon, dass „Nuestra América“ nun nicht mehr der Hinterhof der USA sein solle, sondern ein gleichberechtigter Partner. Die zurückgewonnene Würde ist zuweilen wichtiger als politische Vernunft.

In der Tat wurde in Lateinamerika vieles von dem vorweggenommen, was derzeit in Europa passiert. US-Präsident Ronald Reagan hatte den südlichen Teil des Kontinents in den 1980er Jahren als Experimentierfeld für seine marktliberale Revolution auserkoren. Zum Teil noch unter Deckung der Diktaturen, aber auch nach der Demokratisierung hatten US-amerikanische Wirtschaftsstrategen freie Hand. Ihre Rezepte waren den heutigen der EU-Troika nicht unähnlich. In Bolivien wurde der Bergbau privatisiert, in Argentinien die Eisenbahnen, Ecuador führte gar den US-Dollar ein. Das erbrachte Wachstum, allerdings auch einen Verfall der Infrastruktur, die von den Privaten nur dann bedient wurde, wenn es sich rentierte. Gar nichts trug das Wachstum zum Abbau der Armut bei, weil die Erlöse meist bei den postkolonialen Eliten und internationalen Konzernen blieben. In Bolivien und Ecuador leerten sich ganze Landstriche, Hunderttausende suchten das Heil in der Auswanderung.

Die Daheimgebliebenen begannen, gegen den konservativ-liberalen Welttrend links zu wählen. In Argentinien kam Néstor Kirchner, in Bolivien Evo Morales, in Brasilien Lula da Silva und in Ecuador Rafael Correa an die Macht. Deren sozialpolitische Leistung bestand darin, Rohstofferlöse erstmals breiten Schichten zugänglich zu machen. Als Oxfam kürzlich auf die immer weiter aufklappende Schere zwischen Arm und Reich auf der Welt aufmerksam machte, hob die Hilfsorganisation Lateinamerika lobend hervor. Dort handle die Politik nicht mehr im Interesse der Geldeliten, sondern im Sinne der Massen. Das wird von der entmachteten Elite dann gewöhnlich Populismus genannt.

Spanische und griechische Geld-Eliten unterscheiden sich von lateinamerikanischen nur dadurch, dass sie keinen Zugriff auf Rohstoffe haben. Ihr Rentenkapitalismus ist ganz von Immobilienblasen, EU-Geld und Korruption abhängig. In diesen Klientelismus sind die Traditions-Sozialisten wie die spanische PSOE oder die griechische Pasok genauso verstrickt wie die Konservativen. „La Casta“, die Kaste, werden sie in Spanien genannt, aus Podemos-Sicht sind sie neben der EU-Troika das Haupthindernis für eine Erneuerung.

Wie diese aussehen soll, ist bisher nur in Konturen zu erkennen. Dass man sich nicht auf Rohstoffe stützen kann, ist ein Vorteil, denn die Abhängigkeit von Öl und Erz hat sich in Lateinamerika negativ ausgewirkt. Jetzt, da die Preise fallen, ist das Umverteilungsmodell gefährdet – auch wenn Ecuador immer noch ein Wachstum von fünf Prozent aufweist und die meisten Ecuadorianer sagen, es gehe ihnen besser als vor Correas Amtsantritt. Doch allgemein wurde während der Boomjahre zu wenig in Produktivität investiert.

Genau daran wird die neue Linke Südeuropas gemessen werden: ob es ihr gelingt, nicht nur „venceremos“ zu rufen – sondern ob sich das neue Selbstbewusstsein über die mediterrane Rhetorik hinaus in produktiv zählbare Erfolge überführen lässt. Der Verbund im Euro bietet dafür beste Voraussetzungen. Doch es kann nur klappen, wenn Europa gemeinsam am Aufschwung arbeitet, und es nicht zulässt, dass die Länder des Südens sich am argentinischen Autarkismus orientieren. Dafür aber wird mehr Dialog und deutlich weniger Direktive nötig sein als bisher.
(ursprünglich in leicht veränderter Form publiziert in Süddeutsche Zeitung, Printausgabe, 4. Februar 2015)

Montag, 1. September 2014

Mehr Süden wagen. Oder wie wir Europäer wieder zueinander finden

Neues Buch von Sebastian Schoepp


Wir glauben, den Süden zu kennen, weil wir hundertmal im Urlaub dort waren. Aber kennen wir ihn wirklich? Seit Beginn der Eurokrise ist er vom Sehnsuchtsziel zur Krisenmetapher herabgesunken. Muss der Süden nun auch zu einer puritanischen Askesemoral erzogen werden? Oder steckt im Sein des Südens nicht sogar sehr viel Potenzial, das uns helfen kann, Europas Burn-out zu überwinden? Sebastian Schoepp reiste für seine Recherche von Siena bis Santiago de Compostela, von Palermo bis Barcelona. Der Autor erzählt, wie der Süden wirklich funktioniert, wie die Menschen leben, wie sie lieben, arbeiten, hoffen, was sie antreibt und wie stark sie sich verändert haben in den letzten Jahren. Und er zeigt auf, welch enorme Chance besteht, wenn Norden und Süden endlich ihre Talente bündeln.


http://www.westendverlag.de/buecher-themen/programm/sebastian-schoepp-mehr-sueden-wagen.html





 

Dienstag, 13. August 2013


Generation Aufstand

Von Rio bis nach Istanbul: Die junge Generation vieler Schwellenländern hat festgestellt, dass Flachbildfernseher und Einkaufszentren nicht glücklich machen. Sie wollen Bildung, Gesundheit, Sicherheit - und den erarbeiteten Wohlstand nicht wieder verlieren. Es ist der Protest derer, die durch die Globalisierung zu essen haben und nun fürchten, von der Globalisierung gefressen zu werden.

Mehr: http://www.sueddeutsche.de/politik/demonstrationen-weltweit-was-die-neue-protestgeneration-antreibt-1.1718356

Dienstag, 28. Mai 2013

Gelobt, doch nicht geliebt
Was die Spanier von den Deutschen halten

"Im Zuge der „Mexikanisierung“ Südeuropas, der Unterteilung Europas in einen reichen Norden und einen armen Süden, läuft der „Guiri“ Gefahr, der „europäische Gringo“ zu werden, bei dem man sein Geld verdient und dessen Dominanz man zu ertragen hat. "

Mehr dazu in


http://westendverlag.de/westend/buch.php?p=92

Donnerstag, 25. April 2013

Interview mit Rafael Correa


Ideologie, getarnt als Wissenschaft 

Interview mit Ecuadors Präsident Rafael Correa beim Staatsbesuch in Berlin. Er kritisiert Europas Sparpolitk: "Man geht in die Vergangenheit zurück, anstatt echte Wirtschaftspolitik zu betreiben. Man muss immer sehen, wem das alles nützt:... Es nützt der Macht, und die liegt in den Händen des Finanzkapitals. Man will uns weismachen, es sei ein technisches Problem. Die neoliberalen Rezepte aber sind nichts als Ideologie, getarnt als Wissenschaft." Foto: Presidencia
http://www.ecuadorembassy.de/boletines/BOLETINES%202012/s%FCddeutsche_zeitung_correa.pdf